Bewertung: 9 von 9 Punkten
Ein Buch, das auf humoristische Art über die Selbstmordintentionen vierer Menschen berichtet – das kann doch nur schief gehen… oder?
Inhalt
Auf einem „Hot Spot“ für Selbstmörder in London, dem Dach des sogenannten Topper’s House, treffen in einer Silvesternacht Jess, Maureen, JJ und Martin aufeinander. Sie kennen sich nicht und interessieren sich auch nicht im geringsten für die jeweils anderen. Sie verbindet aber ein gemeinsames Ziel: Alle vier wollen, mehr oder weniger ernsthaft und mehr oder weniger durchdacht, ihr Leben durch einen Sprung vom Dach beenden. Und dann entscheiden sie sich doch dagegen und müssen, da sie sonst kein anderer versteht, sich miteinander arrangieren, um sich gegenseitig (oder vielleicht doch eher sich selbst?) helfen zu können. Das ist aber leichter gesagt als getan.
Alle haben unterschiedliche Motivationen und Gründe für ihre Depressionen: Jess ist ein rebellischer Teenager aus einer Politikerfamilie, die mit ihrer großen Klappe regelmäßig ihre Mitmenschen verletzt und aus Liebeskummer spontan springen möchte. Martin hat ein anderes Motiv: als B-Promi Englands gerät er in die Yellow Press, weil er trotz Ehefrau und Kinder eine Affäre mit einer Fünfzehnjährigen hatte und daraufhin eine Gefängnisstrafe absitzen musste. Der Amerikaner JJ findet sich in London ohne Freundin und ohne seine geliebte Band wieder, arbeitet jetzt als Pizzalieferant und ist frei von jeglichen Zukunftsperspektiven. Um von den anderen ernst genommen zu werden, erfindet er sich schnell mal eine schwere Krankheit. Die letzte im Bunde ist die gottesfürchtige Maureen, die ihren von Geburt an ihren kommunikationsunfähigen, an den Rollstuhl gefesselten Sohn im Wachkoma betreut und genau weiß, dass ihr bis zu seinem oder ihrem eigenen Tod keine andere Aufgabe mehr zukommen wird.
Die skurrile Gruppe verabredet, sich ab sofort regelmäßig miteinander zu treffen, ohne genau zu wissen, mit welcher Perspektive oder aus welchem Grund dies überhaupt geschieht. Mit der Zeit lernen sie sich etwas besser kennen, aber nicht unbedingt besser leiden. Sie fahren sogar gemeinsam in den Urlaub – eine Idee, die natürlich in die Hose geht. Die Vier vereinbaren, bis zum Valentinstag zu warten und dann zu sehen, ob alle immer noch von Todessehnsucht erfüllt sind…
Review
Der Brite Nick Hornby ist eher für witzige Romane á la „About a Boy“ oder „High Fidelity“, in denen es um schrullige Junggesellen, Fussball oder Musik geht, bekannt. Die tiefschwarze Komödie „A long way down“ hat im Gegensatz dazu einen ganz anderen Unterton und grenzt sich somit von seinen bisherigen Werken ab. Dennoch gelingt es ihm erstaunlich gekonnt, die Thematik des Selbstmordes teilweise humorvoll, oft auch gefühlvoll oder nachdenklich zu behandeln, ohne dabei auf die schnulzig-patethische oder lächerlich-didaktische Schiene abzurutschen oder Absichten und Gedanken rund um den Suizid zu trivialisieren.
Auch wenn die durch und durch neurotischen Charaktere nicht gerade sympathisch sind, schafft der Rezipient es doch, sowohl die Beweggründe wie das Scheitern der Ausführung eben dieser nachzuvollziehen. Dabei hilft die stetige Veränderung der Erzählerperspektive, denn Hornby lässt abwechselnd alle vier Protagonisten zu Wort kommen, die sowohl über die aktuelle Situation als auch ihre persönliche Geschichte reflektieren und somit einen gewissen Zugang und Einblick gewähren.
Während die ununterbrochen fluchende Jess am Anfang unglaublich verwöhnt und nervtötend wirkt, ändert sich das mit der Zeit, sobald man ihre bewegte Vergangenheit lernt. Mit Martin hat Nick Hornby einen Charakter geschaffen, den er dazu benutzt, um gekonnt Seitenhiebe auf die berüchtigte Klatschpresse Englands zu verteilen. Maureen selbst vermag dank ihrer konservativen, religiösen Lebensweise für die meisten Leser etwas unzugänglich wirken, aber sie ist im Endeffekt die am tiefgehendsten beschriebene Figur. Wer die Parallele zu Hornbys eigenem Leben kennt, versteht auch schnell, wieso: sein Sohn ist autistisch. Und mit dem Amerikaner JJ, dem scheiternden Rock ’n‘ Roller, hat der Schriftsteller wie in alle Romane seine Musikliebe einfliessen lassen und eine Art eigenes Alter Ego kreiert.
Wunderbar geschrieben und mit einem feinen Gespür für Situationskomik fesselt Hornby den Leser, bis zuletzt die Frage beantwortet wird: Springen sie oder springen sie nicht?
Fazit
Selbstmord ist das überaus schwierige Thema, das hier von Hornby behandelt wird. An „A long way down“ scheiden sich die Geister; der Roman hat auch für hornbysche Verhältnisse untypisch viele negative Kritiken bekommen. In meinen Augen übertrifft er sich selbst: „A long way down“ ist sein tiefgründigstes Werk, das einen trotz der Schwere des Plots öfter zum Schmunzeln bringt.
Johnny Depp soll übrigens noch vor der Veröffentlichung die Filmrechte erworben haben!
„Mir zu sagen, ich könnte tun, was immer ich will, ist so, als würde man den Stöpsel aus der Badewanne ziehen und dann dem Wasser sagen, es könnte laufen, wohin immer es wollte. Probiert es mal und wartet, was passiert.“
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