Bewertung: 6 von 9 Punkten

Manhatten Anfang der 80er, zu Beginn der Gentrifizierung. Das East Village ist wie viele andere Stadtteile von Gewalt und Prostitution geprägt. Doch hier geschieht noch etwas anderes: Eine alternative Musikkultur entwickelt sich – zu ihren Vorreitern gehört die Band Sonic Youth.

Inhalt

Sonic– wer? Sonic Youth ist das Protobeispiel einer Band, die mehr als ein Mal am Durchbruch gekratzt, ihn aber nie wirklich erreicht hat, einer Band, die der Wegbereiter für andere, bekanntere Gruppen gilt und deren Name der großen Masse trotzdem nicht geläufig ist.

Diese ausführlich recherchierte Biographie des Musikjournalisten David Browne umfasst beinahe die gesamte Karriere Sonic Youths, von den Anfängen im schäbigen New York zu Beginn der Achtziger über den versuchten Ausflug in die Promiwelt in den Neunzigern, dem Crash des World Trade Centers bis hin zum älter werden der Musiker. Aber die ganze Story Sonic Youths findet man nicht in dem Buch, denn trotz der über drei Jahrzehnte umfassenden Bandkarriere existiert die Gruppe nämlich immer noch.

„Goodbye 20th Century“ ist benannt nach einem der neueren Alben. In dem Buch geht es um viel mehr als „nur“ Sonic Youth. Es wird ein bestimmer Zeitgeist beschrieben und die newyorkinische Subkultur der 80er und 90er beleuchtet. Viele bekannte Gesichter finden sich in dieser Biographie: Keanu Reeves, ein großer Fan, Chloë Sevigny, die ihre Schauspielerkarrie in einem der Videos startete, Schriftstellergrößen wie William S. Burroughs und Musikerkollegen wie Neil Young, die Beastie Boys oder Beck. Die wichtigste Rolle jedoch spielen wohl Kurt Cobain und Courtney Love. Dank einer Empehlung Sonic Youths wurden Nirvana von dem Majorlabel Geffen, das „Nevermind“ vertrieb, überhaupt erst entdeckt und dem breiten Publikum bekannt gemacht.

Die Geschichte Sonic Youths ist also mehr als die einer Band. Es ist die Geschichte der New Yorker Musikszene und der rasanten Entwicklung des Popbusiness der letzten Jahrzehnte.

Doch obwohl die Nebenfiguren den Mainstreamhörern geläufiger sind als Sonic Youth selbst, ist auch ihre Karriere höchst interessant. Anders als im typischen Rock ’n‘ Roll-Lifestyle erwartet gibt es hier keine Exzesse – keine Alkohol- und Drogensüchtige, keine wechselnden Affären, kurzum, nichts, was einem klischeehafterweise bei dem Terminus „Rockband“ durch den Kopf schiessen würde. Klingt langweilig, ist es aber glücklicherweise nicht, höchstens ein bisschen unglamourös. Aber genau das macht sie besonders. Die Biographie beschreibt das Leben der Mitglieder von der Kindheit an und dann detaillierter ab der Gründung; die Probleme, einen Schlagzeuger zu finden, auf Tours irgendwo auf dem Boden schlafen, die Ungewissheit, wie man das nächste Album finanzieren soll bis hin zum Höhepunkt, der nie ein Höhepunkt wurde: Dank des Grungehypes formierte sich auch um die Avantgardeband Sonic Youth eine gewisse Fanbase, am Ende jedoch scheitert sie an der Exzentrik ihrer eigenen Musik. Schliesslich findet sich die Band damit ab, nie weltberühmt zu werden und macht einfach ihr eigenes Ding, die Musik, die ihnen gefällt. Die zahlreichen Privat- wie Konzertphotos untermalen die Entwicklung visuell.

Review

„Goodbye 20th Century“ ist, wie oben schon erwähnt, mehr als nur die Geschichte einer einzigen Band. Es ist eine richtige Chronik, die detailverliebt die Entstehung einer unkonventionellen Kultur schildert. Zumindest ein kleines bisschen Vorkenntnisse sollte der Leser allerdings haben, sonst wird er von der Fülle an Namen der Bands und Menschen im Umfeld Sonic Youths geradezu erschlagen.

Schön ist zu sehen, wie die interne Dynamik funktioniert: Anders als in den meisten Gruppen gibt es nämlich keinen Leader, die Entscheidungen werden demokratisch getroffen, die Musik gemeinsam gemacht – und das, obwohl zwei der Mitglieder heiraten und ein Kind bekommen. Sonic Youth mit ihren oft nur notdürftig zusammengeflickten Gitarren sind und bleiben somit eine „down-to-earth“-Band, fern jeglicher Extravaganz und Allüren, die so viele andere in ihrer Branche besitzen.

Ein interessanter Aspekt ist der Kampf der Band mit sich selbst, als das Angebot von mehreren Majorlabels vorliegen. Soll man unterschreiben und seine Underground-Credibility verlieren? Bedeutet die Plattenfirma wechseln eine Weiterentwicklung oder verkauft man sich lediglich selbst? Letztendendes entscheiden sich Sonic Youth für diesen Schritt und beweisen, dass die schmale Gratwanderung zwischen authentisch, aber arm und sell-out zu bewerkstelligen ist

Leider liegt der Schwerpunkt des Buches etwas zu sehr auf der Businessseite und erklärt zu wenig die Musik und die Lieder, um die es mehr gehen sollte. Zwar werden die Alben und Songs schon besprochen, oftmals jedoch nur aus der Perspektive des Fans. Genauere Erklärungen zur Entstehungsgeschichte und Bedeutung gibt es, aber nicht genug und vor allem nicht tiefgehend genug. Auch eine Diskographie fehlt leider.

Dennoch ist die Geschichte der Band gut dargelegt. Diese Biographie ist nicht nur informativ für Sonic Youth-Fans (dafür wär der Markt vor allem hier in Deutschland vielleicht auch etwas zu klein), sondern für jeden, der sich für Rockmusik interessiert. Nach der Lektüre kann man sich getrost Experte für die Indieszene New Yorks nennen. Inzwischen ist das Buch allerdings nicht mehr ganz aktuell – hoffen wir auf ein baldiges Extrakapitel.

Der große Negativpunkt des Buches sind die sprachlichen Schnitzer, die nicht wenigen, deplatziert und abgehackt wirkenden Sätze, die den Lesefluss beeinträchtigen. Ich gehe indes stark davon aus, dass dies an der Übersetzung liegt und empfehle somit jedem, der dem Englischen halbwegs mächtig ist, die Originalversion zu kaufen.

Fazit

Eine empfehlenswerte Biographie, die hier vor allem aufgrund der mangelhaften Übersetzung Abzüge erhält. Also: einfach im Original lesen und geniessen!

„Die einzige Möglichkeit, mehr Platten zu verkaufen, besteht darin, dass wir uns auflösen“, sagte Moore […]. „Oder einer von uns stirbt“, fügte er hinzu.

 myFanbase

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