9 von 9 Punkten

Stell dir vor, du und deine Freunde stürzen mit dem Flugzeug ab, es überleben sogar einige. Um dich herum ist nichts außer Schnee und Steine. Das bißchen mitgeführte Schokolade ist trotz strengster Rationierung schnell aufgebraucht. Was machst du?

Inhalt

Was anklingt wie ein übertriebener Hollywoodstreifen, ist tatsächlich passiert: Am 13. Oktober 1972 stürzte der von einer uruguayanischen Rugbymannschaft gecharterte Flieger „Fairchild“ samt Passagieren in einer der unwirtlichsten Gegenden der südamerikanischen Anden ab. An Bord sind außer der Mannschaft Familienangehörige, Freunde und die Flugzeugcrew, insgesamt 45 Menschen. Bedingt durch das Wetter, starke Winde und Schneefall und die bis heute unverständliche Miskalkulation der Strecke kommt es zu dem Drama. Während des Unfalls und in der Nacht darauf sterben 17 Menschen. Der Rest ist konfrontiert mit den Umständen, die sie vorfinden: Verletzungen, die nicht ausreichend versorgt werden können, eiskalten Temperaturen und nicht genug Kleidung, keine Möglichkeit, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen und der schnell schwindende Proviant. Als sie nach einigen Tagen im Radio hören, dass die Suche nach ihnen eingestellt wird, wissen sie, dass sie sich nur aus eigener Kraft aus der Situation befreien können. Das größte Problem ist offensichtlich: Um die Anden bezwingen zu können, benötigt man Energie, doch ohne Essen ist dies unmöglich. Das einzige Nahrungsmittel weit und breit sind jedoch die Körper ihrer toten Freunde…

Kritik

Insgesamt 72 Tage dauerte dieses – euphemistisch ausgedrückt – Abenteuer in den Anden, bis die letzten 16 Überlebenden gerettet wurden. Kurz danach bekam die Presse Wind davon, was die Jungs in der Cordillera, der Gebirgskette zwischen Chile und Argentinien, essen mussten. Sensationsheimschende Artikel über Kannibalismus wurden weltweit publiziert. Um jeglichen Gerüchten und Spekulationen ein Ende zu bereiten, beschlossen alle 16 zusammen, dass ein Buch geschrieben werden sollte und wählten für diese schwierige Aufgabe den Engländer Piers Paul Read aus, der genauso wie sie tief religiös war. Read interviewte alle Überlebenden sowie deren Familien und Freunde, um Stück für Stück das Puzzle zusammenzusetzen. Obwohl sich zuerst alle im Buch als zu negativ beschrieben empfanden, wurde es weltweit ein großer Hit und von den Kritikern hoch gelobt.

Read schafft es auf einfühlsame Weise, die Geschichte in den Anden zu beschreiben. Dabei werden die Jungs nicht heroisiert, sondern realistisch und menschlich dargestellt. Während ein paar von ihnen ruhig und optimistisch bleiben, sind die meisten streitlustig oder weinerlich. Der Autor übertreibt weder im positiven noch im negativen die Charaktereigenschaften, sondern versucht, so nah wie möglich an der Wirklichkeit zu bleiben und macht für den Leser die Story dadurch sehr nachvollziehbar.

Aber nicht nur die die Ereignisse in der Cordillera werden ausführlich beschrieben, sondern auch die verzweifelten Versuche ihrer Angehörigen, nachdem die Behörden längst aufgegeben haben, ihre Kinder doch noch zu finden. Dabei werden irrationale Mittel wie die Befragung von Wahrsagern genauso in Anspruch genommen wie auf eigene Faust organisierte Ausflüge zur vermuteten Stelle des Absturzes.

Wirklich angenehm ist vor allem, dass Read die Momente des Kannablismus‘ so nüchtern wie möglich beschreibt. Das Fleisch wird nur als „flesh“ beziehungsweise „meat“ bezeichnet und fast nie fügt er die nähere Beschreibung „human“ davor. Auch die wenigen Situationen, die detaillierter erläutert werden, sind in keinster Weise sensationell sondern pragmatisch und wissenschaftlich. Ansonsten wird darauf nicht tiefergehend eingegangen, der Leser erfährt zum Beispiel nicht, wessen Körper gerade verwendet wird oder ähnliche Details. Doch aller vorsichtigen Beschreibungen zum Trotz gibt es trotzdem einige Stellen, in denen sich selbst den Empathie- und Phantasielosen die Haare im Nacken aufstellen.

Der Fokus des Buches liegt jedoch glücklicherweise mehr auf den Überlebenden selbst. Es ist interessant zu sehen, welche sozialen Hierachien und Strukturen sich herausbilden, wer schnell zu Anführern und Respektpersonen wird und wer durch lethargisches Verhalten eher als „Parasit“ von den anderen angesehen wird. Nach anfänglichem Chaos bilden sich Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben heraus: Die einen putzen ihren Schlafplatz, das Flugzeugwrack, andere sind für das Schmelzen des Schnees zuständig und wieder andere für die Zubereitung des Essens. Da „Alive“ ein reiner Erzählungsbericht ist, bekommt man von den inneren Gemütszuständen nicht so viel mit. Nando Parrado, der heimliche Held der Truppe, veröffentlichte im Jahre 2006 ein Buch, das die Geschichte aus seiner persönlichen Perspektive beschreibt. Bei Read müssen wir uns mit nach außen gewandten Gefühlsregungen begnügen, so zum Beispiel die zahlreichen Streitereien, die ebenso schnell wieder beendet werden, wie sie angefangen haben, weil alle wissen, dass sie zusammen halten müssen, wenn sie Überleben möchten.

Fazit

Obwohl ich selbst eigentlich absolut nicht auf Katastrophenromane oder -filme stehe, ist dieses Buch wirklich höchst außergewöhnlich. Vor allem die Authenzität macht das Buch zu dem, was es ist. Paul Piers Read schreibt außerordentlich packend und selbst die Stellen, in denen es um Gott, Glauben und die daraus geschöpfte Stärke geht, sind für unreligoiöse Menschen wie mich nachvollziehbar.

Nicht die Art der Ernährung, sondern die soziologischen Strukturen dieser Minigesellschaft und die psychologischen Auswirkungen der Strapazen machen dieses Buch so besondes. Mutmachend ist auch, dass es möglich ist, in auswegslosen Situationen über sich hinauszuwachsen, wie es die Überlebenden der „Fairchild“ beweisen.

„Alive“ ist ein verstörend spannendes Buch, das durch den wahren Hintergrund noch fesselnder wird.

„Hey, boys,“ he shouted, „there’s some good news! We just heard in on the radio. They’ve called of the search.“ […]
„Why the hell is this good news?“ […]
„Because it means,“ he said, „that we’re going to get out of here on our own.“

myFanbase.de

05.04.2012

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