Girls 2x06

Bewertung: 8 von 9

“You’re writing an E-book […] I need it in a month.“

Endlich bietet sich für Hannah eine Karrierechance, bei der sich nicht aufgefordert wird, Drogen zu nehmen oder einen Dreier mit Unbekannten zu haben. Aber wirklich rosig ist auch dieses Mal die Situation nicht für sie, denn Hannah soll das E-Book innerhalb eines Monats fertigstellen (warum das so ist wird nicht genauer erläutert). Ob es an dem enormen Zeitdruck liegt oder einfach nur an ihr selbst – Hannah bekommt nichts auf die Reihe. Jessa in ihrer typischen Art hält sich auch nicht zurück und reibt Hannah unter die Nase, dass das Buch für niemanden einen Unterschied machen würde und raubt ihr somit die ewig währende Illusion, sie sei die Stimme ihrer Generation.

“Honestly, I fell in love with the idea of you, like it’d be cool to know you” – “Oh my God, fuck this, see this is exactly why I can’t hang out with anyone because everyone just uses me for what I represent to them. […] I hate all of my friends!”

Ich habe selten eine Serie erlebt, in der es so viele unglückliche Charaktere gibt. Auch Jonathan Booth, obgleich erfolgreicher Künstler, bildet da keine Ausnahme.

Was Marnie in ihm sieht, ist für mich nach wie vor gänzlich unverständlich. Booth ist ein arroganter Wichtigtuer, der willkürlich mit den Leuten umspringt. Und wie naiv ist Marnie, dass sie nicht merkt, dass er nicht sein Event mit ihr ausrichten, sondern sie lediglich als Hostess will? Der parodistische Höhepunkt seiner Selbstinszenierung ist die Szene, in der er ein überdimensionales Photo seines weinenden Gesichts zeigt und Geschichten dazu vom besten gibt. Herrlich!

Etwas mehr Tiefe erhält seine Figur später. Dass Marnie sich die Blöße gibt vor ihm zu weinen ist der neueste Tiefpunkt in ihrem stetigen Niedergang, sei es Karriere, Freundschaft oder Liebe. Immerhin schafft sie es, zuzugeben, dass sie vermutlich nur “the idea of you“, Booth, interessant findet, dass es cool wäre, ihn zu kennen und im Endeffekt wenig um seine Person an sich geht. In seiner melodramatischen Art wirft Booth mit Weinflaschen, aber zum ersten Mal kann ich ihn auch verstehen. Selbst das Mädchen, dessen er sich sicher wähnte, ist nicht wirklich an ihm als Mensch interessiert sondern nur an Jonathan Booth, dem Künstler. Auch der Mann mit den vermeintlich vielen Freunden ist genauso einsam wie alle anderen in “Girls“. Er erkennt plötzlich selbst, wie oberflächlich seine Party ist. Marnies Verliebtheit ist nach Booths Ausbruch ziemlich schnell verflogen und sie flieht vor dem Realitätseinbruch und dem Verlust der Illusion, die sie um Booth aufgebaut hatte, und lässt ihn alleine zurück.

Kurze, traurige Storyline am Rande: Shoshanna bittet Marnie darum, auch auf die Party zu können und wird dennoch nicht eingeladen. So schnell gehen die Girls für Männer oder Prestige also über Leichen beziehungsweise Freundschaften.

“I know she thinks I haven’t done enough with my life considering my age but its hard to tell someone so young that things don’t always end up the way you thought they’d do.”

Die Storyline um Rays mangelnde Zukunftsperspektiven wird wieder aufgegriffen. Nicht nur Marnie wird die Illusion genommen, auch Shoshanna muss die Augen bezüglich ihres Partners öffnen. Sie beginnt, Rays fehlende Ambitionen und nicht vorhandenes Geld als Problem anzusehen. Ray hat allerdings auch sehr mit sich selbst zu kämpfen. Selbst das White Trash-Mädchen von Staten Island analysiert ihn in zwei Minuten erstaunlich präzise. Ray leidet unter sich selbst, daran lässt spätestens die Endszene mit dem Hund keine Zweifel offen. Ob ihm dies aber den Anstoß gibt, sein Leben endlich anzupacken, halte ich für fragwürdig.

Die unerwartete Kombination zwischen Ray und Adam, die den Hund seinem Besitzer zurückbringen wollen, funktioniert derweil fabelhaft. Zwischen den beiden ist eine wunderbare Chemie in der gegenseitigen Abneigung.

Adam selbst beweist erneut, was für ein Weirdo er ist. Er klaut einen Hund, von dem er das Gefühl hatte, er müsse gerettet werden. Dennoch hat er eine erstaunlich klare Sicht auf seine Beziehung mit Hannah und auf ihre Person, aber es wird deutlich, dass er trotzdem nicht kritikfähig ist und dass man mit ihm nicht über Hannah reden kann. Seine Aussage, dass Shoshanna nur ein Kind sei und Ray mit ihr zusammen ist, weil er sich sicher fühle und es deswegen auf Dauer nicht kappen würde, könnte aber möglicherweise ins Schwarze getroffen haben. Es liegt an Ray (und Shoshanna) ihm das Gegenteil zu beweisen.

Für mich mausert sich der merkwürdige und teils auch sehr anstrengende Adam immer mehr zum spannendsten Charakter in der Serie. Die Storylines um ihn sind immer unterhaltsam.

“It was perfect… I’m very happy.“

Innerhalb kurzer Zeit ist die Entfremdung von Marnie und Hannah so groß geworden, dass ich mir kaum noch vorstellen kann, dies könnte ohne Narben wieder rückgängig gemacht werden. Marnie schämt sich vor ihren neuen “Freunden“ vor Hannah und versteckt ihren Regenmantel. Marnie zeigt, wie falsch und oberflächlich sie (geworden?) ist. Hannah versucht, ihr die Neuigkeiten bezüglich des E-Books zu mitzuteilen, doch Marnie hört ihr gar nicht zu und beschäftigt sich lieber mit ihren neuen Bekannten.

Das Telefonat zwischen Marnie und Hannah ist die stärkste Szene der Episode, vielleicht sogar der Staffel, auf jeden Fall aber ist sie die deprimierendste. Die ehemals besten Freundinnen, die beide momentan mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, lügen sich gegenseitig vor, wie glücklich und erfolgreich sie wären, obwohl man merkt, dass die Mädels eigentlich nur getröstet werden wollen. Beide sind frustriert über das Gespräch und die Lügen, die erzählt wurden. Eigentlich wollen sie mit der besten Freundin reden, können an dem Punkt der Beziehung aber nicht mehr die eigene Schwäche vor der jeweils anderen eingestehen.

Fazit

Man muss auf wirklich deprimierende Geschichten und einsame, frustrierte Protagonisten stehen, um die Serie im allgemeinen und Folgen wie diese im speziellen zu mögen. Da ich das tue, ziehe ich wieder einmal meinen Hut vor den Drehbuchautoren und den Schauspielern, die die Einsamkeit und die Angst des Erwachsenwerdens so gut auf dem Bildschirm transportieren können.

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