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Verjüngungskur für eine Frankfurter Institution – Wasserhäuschen sind wieder cool. Doch wo chillt es sich am Schönsten?

Einst, da stellte nicht abgekochtes Leitungswasser ein Gesundheitsrisiko für die Menschen dar, also tranken viele lieber ein zünftiges Bier –somit war die Geburtsstunde der Trinkhallen eingeleitet. Um dem Alkoholismus vorzubeugen, entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Wasserhäuschen in Frankfurt. Erstmals hatte es ein gewiefter Erfinder geschafft, Bitzelwasser (also Wasser mit Kohlensäure) in Flaschen abzufüllen, das dann in den Wasserhäuschen verkauft wurde. Auch wenn heutzutage die meisten Kioske in ein Gebäude integriert sind, ist das klassische Frankfurter Wasserhäuschen freistehend.

Linie 11 – Die Wasserhäuschenretter

Einen besonderen Aufschwung erlebten die Wasserhäuschen nach dem Zweiten Weltkrieg: Mitte der 1970er Jahre gab es knapp 800 Büdchen im Stadtgebiet verteilt. Längere Öffnungszeiten der Supermärkte, Tankstellen und ein schlechtes Image führen aber inzwischen dazu, dass immer mehr Wasserhäuschen schließen müssen. Das rief die Jungs von Linie 11 auf den Plan. Die sechs Frankfurter und ein Eingeplackter beschlossen eines schönen Sommertags, die längste Straßenbahnlinie der Stadt, die Linie 11, komplett durchzufahren und an jeder Station auszusteigen und sich umzugucken. Dabei bemerkten sie, dass nahezu alle Haltestellen ein Wasserhäuschen in der Nähe hatten – die Idee für ihren Verein begann, sich zu entwickeln.

„Genaue Zahlen zu erheben ist schwierig, aber es gibt keine 300 Büdchen mehr in Frankfurt. Wir möchten die Trinkhallenkultur der Stadt erhalten und hoffen außerdem, dass wir Leute dazu motivieren können, selbst ein Wasserhäuschen zu eröffnen“, erläutern Frederick Löbig und Oliver Trepper, zwei Gründungsmitglieder der Linie 11, ihre Mission. „Natürlich ist wichtig, dass nicht plötzlich die alten Alkoholiker von den Jungen und Hippen verdrängt werden, es soll viel mehr eine soziale Durchmischung erhalten bleiben. Wer den Schritt wagt und sich an ein Wasserhäuschen gesellt, lernt oft interessante Menschen kennen.“

Erste Früchte scheint die Arbeit der Linie 11 schon zu tragen, denn es kommt Bewegung in die Wasserhäuschenkultur, diese Beispiele beweisen.

Rootzs der Kartoffelkiosk

Der neueste Stern am Wasserhäuschenhimmel ist das Rootzs in unmittelbarer Laufweite zum Campus Westend, das Mitte September eröffnete. Besitzer Suat Kayas hat das alte Büdchen von 1951 aufgepeppt. „Das Rootzs ist als Mischkonzept gedacht“, erklärt er. Neben dem Kioskbetrieb mit Zeitschriften und Süßigkeiten liegt das Hauptaugenmerk auf dem Cafébetrieb. Neben Kaffeespezialitäten, verschiedenen Softdrinks und einer großen Auswahl an Biersorten gibt es vegane und vegetarische Snacks wie Stullen, belegte Sesamkringel und Arancini, sizilianischen Reisbällchen und verschiedene Varianten an Ofenkartoffeln (daher auch der Name). „Im Türkischen nennt sich das Kumpir“, sagt Kayas. „Kumpir ist sozusagen orientalisches Fast Food. Für die Kartoffel haben wir verschiedene Toppings, zum Beispiel Cous Cous, Oliven, Gemüse oder Bauernsalat.“ Ihm ist wichtig, dass seine Preise auch für Studenten erschwinglich sind. „Hier im Westend gibt es bisher keine studentischen Cafés – das ist wirklich schade und wollte ich ändern.“

Wasserhäuschen Gudes

Ein kleines Quäntchen Glück und innovative Ideen sorgten dafür, dass sich das Wasserhäuschen am neu gestalteten und umbenannten Matthias-Beltz-Platz innerhalb kürzester Zeit zum Szenetreff des Nordends entwickelte. Das „Gudes“, wie Florian Abel und Felix Wegener das Häuschen zur Wiedereröffnung im November 2013 tauften, hat im Vergleich zu anderen Kiosken einen entscheidenden Vorteil: Es gibt anständigen Kaffee, gemacht mit einer Maschine, die sonst in Cafés und Restaurants zu sehen ist. „Unsere Idee war, diese Frankfurter Institution aus seiner Schmuddelecke zu holen“, erzählen die Betreiber. „Immerhin ist das ja der Grundgedanke des Büdchen: Leute treffen sich, plaudern und entspannen hier.“ Natürlich ist das Gudes auch für den Anwohner, der mal eben Zigaretten holen geht, Kinder, die ein Eis wollen oder Bauarbeiter, die nach Feierabend auf ein Bierchen vorbeikommen, gedacht. Aber durch eine breite Auswahl an Getränken, kleinen Snacks, Musik und einigen Tischen auf dem aufgehübschten Platz ist das Wasserhäuschen auch für ein alternatives Publikum, das sich gerne hier aufhält, attraktiv geworden. Und es hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt: „Die Bücher, die es auf dem Regalbrett hier gibt, stammen von einem Nachbarn, der sie einfach vorbeigebracht hat. Sowas ist natürlich toll!“

Wasserhäuschen Holbeinstraße

Elif, die neue Besitzerin des Wasserhäuschens im Grünstreifen in der Holbeinstraße hat das Häuschen zwar erst seit Mai 2014 gepachtet, doch eigentlich gehört es mit seinen einhundert Jahren zu den ältesten noch erhaltenen der Stadt und hat – wie so viele andere – keinen festen Namen. Sachsenhäuser aller Couleur treffen sich hier, Nachbarn, Schüler der umliegenden Schulen, Fußballfans auf dem Weg zum Stadion und auch zahlreiche Fahrradfahrer kommen auf eine Erfrischung vorbei. Wie an vielen Wasserhäuschen gibt es auch hier täglich Spannendes zu erleben. An einem sonnigen Septembernachmittag flog, vom Fahrer unbemerkt, aus dem Hinterfenster eines vorbeifahrenden Autos eine Anzugjacke, Inhalt: eine beachtliche Summe Bargeld, Kreditkarten, Handy. Den Vorfall beobachteten Rainer, Pohl-Peter und Buba, Stammgäste des Wasserhäuschens, die gerade an dem seitlich aufgestellten Tischlein saßen, und schritten zur Tat. Sie sammelten das Jackett auf und riefen die Polizei, die den aufgelösten Besitzer ausfindig machen konnte, der so seine Sachen wiederbekam – eine echte Wasserhäuschenanekdote.

Wasserhäuschen auf der Insel

Wie lange es das Bockenheimer Wasserhäuschen mit dem charakteristischen Schwanenbild schon gibt, darüber streiten sich die Geister. Aber die älteren Besucher sind sicher: Mindestens sechzig Jahre hat das Büdchen gegenüber der Frauenfriedenskirche schon auf dem Buckel. Dank der beiden Studentenwohnheime in direkter Nachbarschaft gibt es auch viele junge Kunden, die sich auf ein Bierchen, Kaffee oder Eis treffen. Auf dem direkt angrenzenden Bouleplatz spielt bei gutem Wetter der 1. Frankfurter Pétanque Club mit seinen Kugeln.

 

 

>> Rootz der Kartoffelkiosk, Mitscherlichplatz (Westend)

>> Wasserhäuschen Gudes, Matthias-Beltz-Platz (Nordend)

>> Wasserhäuschen Holbeinstraße, Holbeinstraße 63 (Sachsenhausen)

>> Wasserhäuschen auf der Insel, Franz-Rücker-Allee 29 (Bockenheim)

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