Joanna Rakoff

5/9

“There were hundreds of us, thousands of us, carefully dressing in the gray morning light of Brooklyn, Queens, the Lower East Side, leaving out apartments weighed down by tote bags heavy with manuscripts […].“

Inhalt

New York, Mitte der Neunziger. Die ganze Welt scheint verrückt nach J.D. Salinger und seiner beliebtesten Figur Holden Caulfield zu sein – nur Joanna hat sich sämtlichen Romanen und Erzählungen des Schriftstellers bisher erfolgreich verwehrt. Da fängt sie, frisch vom College, in einer Literaturagentur in Manhattan an, deren bekanntester Klient auf den Namen J.D. Salinger hört. Und Joanna muss sie alle abwehren, die Fans, die ihm mitteilen, wie sehr ihnen doch “Fänger im Roggen“ gefallen hat, die Presse, die aufdringlich ein Interview zu erkämpfen ersucht und all diejenigen, die Geschichten von ihm neu veröffentlichen wollen. Pflichtversessen versucht sie, den Telefonanrufen und Briefen gerecht zu werden und gleichzeitig den misanthropischen Autor vor dem Kontakt zur Außenwelt zu schützen.

Aber auch ihr Privatleben ist nicht so einfach: Joanna lebt von einem sehr überschaubaren Gehalt und wohnt mit ihrem Freund zusammen, der sich als Schriftsteller sieht und deswegen weigert, einen festen Job anzunehmen.

Kritik

Joanna Rakoff versichert im Vorwort, dass ihr Roman – von einigen dramaturgischen Änderungen abgesehen – absolut autobiographisch ist. In einer klaren, schnörkellosen Sprache berichtet sie von ihrem Arbeitsalltag in der namenlosen Literaturagentur, deren exzentrische Chefin sich dem Fortschreiten der Technologie verweigert – obwohl wir uns im Jahre 1996 befinden, hat keiner in dem Büro einen Computer. Atmosphärisch ist auch die Schilderung des verrauchten Büros mit abgedunkeltem Licht, das mit seinem anachronistischen Charme an die Serie “Mad Men“ erinnert.

Die Stärken Rakoffs offenbaren sich in den Szenen, in denen sie die oft tragischen Briefe der Salinger-Fans und Joannas Gedanken dazu mit Witz und Einfühlungsvermögen erzählt. Fesselnd geschrieben sind auch die Momente, in denen man merkt, dass sie die bedeutendsten für die Schriftstellerin waren, wie das erste Mal, als ihr fiktionalisiertes Alter Ego mit Salinger telefoniert.

Das große Manko des Romans ist jedoch, dass er zu eindimensional bleibt. Auch wenn der Titel schon darauf hinweist, dass sich der Großteil der Geschichte um J.D. Salinger dreht, würde dem Buch ein wenig mehr Abwechslung nicht schaden. Zwar gibt es Ausflüge in Joannas Privatleben, vor allem rund um ihren einfältig wirkenden Freund Don, doch diese berühren den Leser zu wenig. Das Herz Joannas und somit auch Joanna Rakoffs hängt an ihrer Arbeit, was sich narratologisch bemerkbar macht.

Fazit

“My Salinger Year“ ist ein durchaus unterhaltsamer Roman, der natürlich besonders für die Fans von J.D. Salinger interessant ist. Durch den Fokus auf den Autor verliert die Handlung aber an Dichte. Dadurch läuft der Roman auch Gefahr, dass er bei vielen Lesern nach Beenden der rund 250 Seiten schnell wieder vergessen wird. Jungen Frauen, die wie Joanna auf der Suche nach einem Platz in ihrem Leben sind, wird die Lektüre dennoch gefallen.

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