Weibliche Lieblingscharaktere

Colmeta aus „Auf der Plaça del Diamant“ von Mercè Rodoreda (1962)

Natàlia ist nicht gerade eine klassische Heldin. Sie wächst in einer Zeit auf, in der Frauen in Spanien noch den Männern zu gehorchen hatten, und genau dies tut Natàlia auch. Als sie auf einem Straßenfest in Barcelona den unsympathischen Quimet kennenlernt und er ihr aufträgt, ihre Verlobung zu lösen und stattdessen ihn zu heiraten, tut sie das ohne Widersprüche. Quimet ist es auch, der Natàlia „Colometa“, das Taubenmädchen, tauft. Der Name bleibt haften und Colometa verliert somit einen Teil ihrer Identität. Quimet entpuppt sich als egoistischer Ehemann, der gerne jammert und Colometa alle Arbeit überlässt. Aber Colometa beißt sich durch. Stoisch lässt sie den tristen Alltag und Quimets Spötteleien über sich ergehen. Als seine Taubenzucht ebenfalls an ihr hängenbleibt, zeigen sich in Colometa die ersten rebellischen Züge: Heimlich vertreibt sie die Tauben aus ihren Nestern und wird somit nach und nach die Vogelplage los. Zeitgleich wird in Spanien die Republik ausgerufen, die aber nicht lange währt. Als Quimet im Spanischen Bürgerkrieg stirbt, steht die immer noch junge Colometa mit ihren zwei Kindern alleine da. Doch sie lässt sich immer noch nicht unterkriegen und macht weiter, ihr bleibt auch gar nichts anderes übrig. Die akute Armut und Nahrungsmittelknappheit im Land bringen die kleine Familie an ihre physischen Grenzen. Kurz vor einer Verzweiflungstat lernt Colometa einen liebenswürdigen Mann kennen, der ein Lebensmittelgeschäft hat und sie heiraten möchte. Und Colometa kann wieder Natàlia sein.

Es ist eine untypische Stärke, die von Natàlia ausgeht. Sie basiert weniger auf Taten als auf ihrem Schweigen und ihrer Fähigkeit, die widrigsten Umstände ohne Klagen hinzunehmen. Aber gerade ihr Überlebenswille macht aus der passiven Colometa einen starken und spannenden Charakter, der retrospektiv die eigene Geschichte erzählen kann. Ganz nebenbei: Mercè Rodoredas bekanntester Roman ist große Weltliteratur, der mit einer geschickt eingesetzten Sprache das Leben einer Frau vor und während Francos Diktatur und dadurch zugleich ein kollektives Schicksal schildert.

Franny aus „Franny und Zooey“ von J.D. Salinger (1961)

J.D. Salingers literarisches Repertoire ist wahrlich nicht umfassend – dennoch tut man dem Schriftsteller unrecht, wenn man nur „Der Fänger im Roggen“ würdigt. Vor allem der erste Teil aus „Franny und Zooey“, „Franny“, eine Erzählung, die bereits 1955 entstand, zeigt die Virtuosität, mit der sich Salinger in von der Gesellschaft enttäuschte junge Erwachsene versetzen kann.

Franny fährt über das Wochenende von der Universität zu ihrem Freund, der sie am Bahnsteig abholt. Gemeinsam gehen sie in ein vornehmes Lokal. Während ihr Freund sich mit seinen akademischen Errungenschaften brüstet, bleibt Franny zurückhaltend, bis sie ihm ihre Sicht der Dinge schildert: Sie hält das universitäre System für verlogen, da es ihrer Meinung nach nur darauf ankäme, so viel wie möglich auswendig zu lernen, ohne ernsthaft über die Welt nachzudenken. Franny selbst hat sich mit der Welt auseinandergesetzt und ist enttäuscht von der heuchlerischen Gesellschaft, die sie umgibt. Auch wenn sich die junge Frau am Ende dieses ersten Teils in die Religion stürzt, um mit ihrer Desillusionierung umzugehen, so ist sie dennoch intelligenter als ihr erfolgreicher Freund und zugleich eine Schwester im Geiste von Holden Caulfield, den die verlogene Welt genauso abstößt. Franny hat, genau wie Holden, eine für ihr Alter ungewöhnliche Weisheit erlangt.

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