DSC01250 DSC01251 DSC01252Bereits kurz nach der Geburt des Kindes stellt sich für die Eltern die Frage: Sind Impfungen sinnvoll oder schädlich? Die Experten geben Antwort.

Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter so stark wie die Diskussion, ob man Kinder impfen sollte oder nicht. Die Facebook-Seite einer Interessensgemeinschaft mit dem obskuren Namen „Deutschland verbrennt den Impfpass“ liken knapp 9.000 Personen, das „Impfschaden Forum“ hat immerhin 900 Mitglieder. Doch ist die Kritik am Impfen berechtigt? Viele Eltern stehen angesichts der plausibel erscheinenden Argumente der Impfgegner ratlos da. Schadet es dem eigenen Kind vielleicht doch, geimpft zu werden? Können Impfungen Langzeitschäden oder gar Autismus verursachen? Dr. Peter Neumann schüttelt den Kopf. „Impfgegner gleichen einer Sekte. Da steckt wenig Wissen und viel Meinung dahinter.“

Dr. Neumann ist Kinderarzt und seit 2006 der Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin beim Amt für Gesundheit. Er weiß, wovon er spricht: „Als Kind bin ich selbst an Masern erkrankt und habe eine schwere Lungenentzündung davongetragen. In meiner Generation habe ich noch Kinder an Masern sterben sehen.“ Zwar sind die Zahlen der Neuerkrankungen in Deutschland bis auf einige „Wellen“ relativ stabil – dies hängt aber vor allem mit dem Impfschutz zusammen. „Gegen Masern gibt es keine Medikamente, nur Prävention.“ Deswegen sind die Gesundheitsrisiken in unterentwickelteren Ländern, die keine angemessenen Impfungen bieten können, immer noch sehr hoch. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass weltweit fast 140.000 Kinder jedes Jahr infolge einer Maserninfektion sterben.

Doch wie funktionieren Impfungen eigentlich? Es gibt sowohl Lebend- als auch Totimpfungen. Lebendimpfungen sind attenuierte, also abgeschwächte Viren, die auf Eiern, menschlichen Zellen oder sonstigen Geweben gezüchtet werden. Die Impfung mit attenuierten Viren ruft sozusagen eine „kleine Krankheit“ hervor, durch die der Körper Antikörper entwickelt. Im Falle einer Totimpfung werden abgetötete Bestandteile von Bakterien oder Viren injiziert. Die Masern-, Mumps- und Rötelnimpfung (kurz MMR), die für gewöhnlich in einer einzigen Dosis verabreicht wird, ist zum Beispiel eine Lebendimpfung.

Folgen einer Masererkrankung

Dr. Neumann warnt vor allem vor der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), einer gefährlichen Gehirnhautentzündung. Kinder, die im Alter von unter zwei Jahren an Masern erkranken, können Jahre später an den Langzeitfolgen, also SSPE, erkranken. Laut dem Robert-Koch-Institut kommt das zwar nur in durchschnittlich vier bis elf Fällen pro 100.000 Masernerkrankungen vor. Dieser Krankheitsverlauf aber, dem auf psychische neurologische Störungen und schließlich zerebraler Verfall folgen, endet zu 95 Prozent tödlich. Durch die Presse ging beispielsweise der Fall von Aliana Kunzelmann aus Bad Hersfeld, die im Alter von vier Jahren an SSPE erkrankte. Aus Unwissenheit hatten die Eltern ihr Kind nicht geimpft. Andere Eltern schicken ihre Kinder auf sogenannte „Masernpartys“, um sie bewusst mit dem Virus zu infizieren, damit sie dadurch eine Immunität entwickeln. Dass diese „Masernpartys“ langfristig tödliche Folgen haben können, ist zumeist unbekannt oder wird verdrängt.

Plausible Argumente von Impfgegnern?

Zu den wichtigsten Argumenten von Impfgegnern gehört die Angst vor den Chemikalien, die einer Impfdosis beigefügt sind. Dr. Neumann erklärt: „Für die Mehrfachimpfungen benötigt es nur noch eine einzige Dosis, das heißt, dem Impfstoff sind wenige Chemikalien beigemischt, da er nicht lange konserviert werden muss.“ Außerdem werden natürlich alle Chemikalien streng überprüft. Besonders hartnäckig hält sich der Aberglaube, diese Chemikalien könnten bei einem Kind Autismus hervorrufen. Das Robert-Koch-Institut weist auf seiner Homepage darauf hin, dass sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA unabhängig zu dem Schluss kamen, dass die sehr geringe Menge Quecksilber, die weit unterhalb des toxikologischen Grenzwerts liegt, in keinerlei Zusammenhang mit Autismus stehen. Die Angst vor Autismus schürte der britische Arzt Andrew Wakefield, der in Großbritannien inzwischen Berufsverbot hat. Dr. Neumann zählt auf: „Mal davon abgesehen, dass er seine vermeintliche Studie an viel zu wenig Kindern durchgeführt hat, um wirklich repräsentativ zu sein, kam später heraus, dass er zum einen selbst ein Patent für einen anderen Masern-Impfstoff angemeldet hatte und zum anderen, dass er bestochen wurde.“ Eine Anwaltskanzlei, die Eltern von autistischen Kindern vertrat, hatte ihm 55.000 Pfund für seine „Studie“ zugespielt.

Auch das Argument, die Pharmaindustrie wolle die Angst vor Erkrankungen schüren, um Profit an Impfungen zu machen, lässt sich nicht halten. „Die meisten Firmen sind nicht mehr im Impfstoffgeschäft, weil es nicht rentabel genug ist“, sagt Dr. Neumann. „Impfungen zu entwickeln ist ungeheuer arbeits- und zeitintensiv. Und Ärzte bekommen pro Impfung nur drei bis zehn Euro.“ Das Robert-Koch-Institut argumentiert vergleichbar: „Bei den Krankenkassen gehören Impfstoffe zu den großen Ausgabenposten, doch den Ausgaben für Impfstoffe stehen oft beträchtliche Einsparungen gegenüber.“

Gefahren für die unmittelbare Umgebung

Eine besondere Gefahr sieht Neumann für Kinder, die bedingt durch Immunkrankheiten wie HIV oder nach einer Organtransplantation nicht geimpft werden dürfen und sich bei erkrankten Kindern anstecken können. „In dem Fall endet eine Erkrankung, seien es Masern, Mumps oder Röteln, tödlich. Viele Ärzte verweisen Impfgegner aus ihren Praxen, um die anderen Patienten nicht zu gefährden. Man kann Impfgegner durchaus als Gefahr für die Volksgesundheit bezeichnen.“ Denn nichts ist wichtiger als eine Herdenimmunität: Möglichst viele Leute müssen geimpft sein, damit diejenigen, die sich nicht impfen lassen dürfen, nicht Gefahr laufen, sich anzustecken.

Ein bisschen Verständnis bringt aber selbst Dr. Neumann für ängstliche Impfgegner auf: „Seit der Geburt meiner Tochter bin ich schrecklich nervös und mache mir wegen allem Gedanken und Sorgen.“ Aber genau deswegen wird sie regelmäßig geimpft.

impfen-info.de

Und woher sollen Eltern wissen, wann welche Impfungen notwendig sind? Dr. Neumann beruhigt: „Der Leihschutz der Mutter wirkt direkt nach der Geburt, wird nur mit der Zeit schwächer.“ Die Lebendimpfungen werden deswegen frühestens ab dem 12. Monat vorgenommen.

Seit den 1970er Jahren existiert die Ständige Impfkommission (STIKO), die zweimal jährlich aktuelle Richtlinien herausgibt. Anhand dieser Richtlinien ist zu erkennen, welche Krankheiten gerade grassieren und welche Impfungen besonders wichtig sind. Auf der zuverlässigen Website impfen-info.de, die sich auf die Empfehlungen der STIKO beruft, sind alle Impfungen samt empfohlenem Alter aufgelistet.

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