Wer steckt hinter den zahlreichen Kinderbüchern, die jedes Jahr veröffentlicht werden? Zu Besuch bei Frankfurter Kinderbuchverlagen.

 „…der blaue Hund hat mich gerettet!“ Mit geübter Vorlesestimme trägt Markus Weber aus „Blauer Hund“ vor, einem Kinderbuch aus der Feder einer Malerin, die sich schlicht Nadja nennt. In Frankreich ist das Bilderbuch um die kleine Charlotte, die sich im Wald verirrt und von einem blauen Hund gerettet wird, ein Klassiker, in Deutschland hingegen kaum bekannt. Weber hält trotzdem an dem Titel fest. „Solange ich als Verleger etwas zu sagen habe, werde ich dafür sorgen, dass das Buch erhältlich ist.“

Markus Weber ist Gründer und Inhaber des Moritz Verlags, der in der Frankfurter Kantstraße zuhause ist. Der blaue Hund ist nicht das einzige bunte Tier, das in seinem Büro zu finden ist: Im Hintergrund blickt ein roter Kater aus dem gleichnamigen Kinderbuch von Grégoire Solotareff – übrigens der Bruder von Nadja – skeptisch aus der Wäsche.

Wichtig für Kinder: Eine Identifikationsfigur

Weber ist gelernter Buchhändler und sammelte jahrelang Erfahrung beim Kinderbuchverlag Beltz & Gelberg, bevor er sich 1994 mit dem Moritz Verlag selbstständig gemacht hat. Zunächst mit einem Fokus auf französische Kinder- und Bilderbücher, erweiterte er das Programm schnell um Bücher aus aller Welt, ob aus Portugal, England, Schweden oder Japan. Aber auch eigene Produktionen sind dabei, zum Beispiel von dem Frankfurter Jörg Mühle, der in Laufweite zum Verlag wohnt und bisher zwei Bilderbücher für Kinder ab 2 Jahren im Moritz Verlag veröffentlicht hat.

Gut 8.000 Erstauflagen produzieren deutsche Kinderbuchverlage jedes Jahr (Stand: Juli 2015). Das Programm des Moritz Verlags ist im Vergleich dazu klein, rund zehn Bücher werden im Frühjahr und Herbst publiziert. Die Titel sind handverlesen und von Weber selbst ausgesucht. „Ich bevorzuge ein übersichtliches Programm“, bekräftigt er. Bei den Büchern, die er auswählt, achtet er besonders darauf, dass es in der Geschichte eine Identifikationsfigur für Kinder gibt. „Diese Figur darf nicht alleine durchs Leben gehen, sondern braucht einen besten Freund oder zumindest einen Gegenspieler.“ Es soll in der Handlung einen Spannungshöhepunkt geben und natürlich müssen auch die Illustrationen Charme besitzen. „Vieles davon ist einfach Bauchgefühl.“

Am wichtigsten ist Weber natürlich, an die kleinen Leser zu denken. „Ich möchte Bücher für Kinder machen und nicht nur für Eltern. Die Kleine sollen die Bücher immer wieder aus dem Regal holen.“ Auch vor unkonventionellen Titeln schreckt Markus Weber nicht zurück. Der Erfolg gibt ihm recht: So wurde beispielsweise das schwedische Kinderbuch „Die besten Beerdigungen der Welt“ von der Presse hochgelobt und 2007 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert – nicht trotz, sondern gerade wegen des Themas.

Kinderbücher fern des Mainstreams

Auch Felix Busse setzt mit seinem Vielflieger Verlag aus dem Gallus auf Titel fern des Mainstreams. Im Jahr 2008 erschien das erste Buch, „Die kleine Giraffe Guckindieluft auf Weltreise“, für das der passionierte Vielflieger zahlreiche Fotos aus aller Welt aufgenommen hat, von New York über Hongkong bis nach Havanna. Der kubanische Maler Víctor Moreno ergänzte die Fotos durch eine gezeichnete Giraffe. „Nicht jedes Kind hat die Möglichkeit, weit zu reisen. Die kleine Giraffe zeigt Kindern die Welt“, erklärt Busse, der schon als Kind gerne Geschichten geschrieben hat.

„Die kleine Giraffe“ war aber nur der Anfang: Busse produziert mittlerweile rund drei Titel pro Jahr. „Die Künstler werden mir vorgestellt oder ich lerne sie auf Buchmessen in Frankfurt, Bologna oder Guadalajara kennen.“ Busse arbeitet direkt mit den Künstlern zusammen. „Mitunter kann es auch mal etwas länger dauern, bis ein Buch fertig ist. Mir ist wichtig, dass die Illustrationen künstlerisch wertvoll sind. Deswegen gebe ich den Künstlern die Zeit, die sie benötigen“, sagt er. Inzwischen kauft Busse auch Rechte ein und lässt Bücher übersetzen. Dabei ist er sehr international aufgestellt: Die Kinderbücher des Vielflieger Verlags stammen neben Deutschland aus Israel, Argentinien, Mexiko und Slowenien und sind in der digitalen Variante auch vielsprachig erwerbbar. Für die Zukunft plant Busse, sich weiterhin international auszurichten: Der bekennende Mexiko-Fan möchte als nächstes den mexikanischen Markt erobern.

Immer mit Musik

„Kinder brauchen eine große Auswahl an unterschiedlichen Themen und Stilen, damit sie die Chance haben, einen eigenen Geschmack zu entwickeln“, weiß Verleger Thomas Wolff. Der gelernte Journalist gründete im Jahr 2005 den in Heddernheim ansässigen Kinderbuchverlag Wolff, den er zusammen mit Marie Hübner leitet. Für ihn steht fest: „Das Buch muss den Weg zum Kind finden.“

Thomas Wolff gehört nicht nur der Kinderbuchverlag, er schreibt seit vielen Jahren auch selbst Kinderbücher. Noch vor der Verlagsgründung verfasste er mehrere Ausgaben der beliebten Sachbuchreihe WAS IST WAS, bevor er zur Kinderbuchliteratur kam.

Für aufgeweckte Kids hat sich Wolff etwas Besonderes ausgedacht: Nahezu alle Titel des Kinderbuchverlags Wolff werden auch musikalisch vertont – und zwar direkt vor Ort, in dem an die Verlagsräume angrenzenden Tonstudio. Neben Hörbüchern gibt es Aufnahmen, die den Kindern spielerisch zählen und buchstabieren beibringen, wie zum Beispiel die ohrwurmverdächtige ABC-CD. Für seine Aufnahmen holt sich Wolff die Musiker aus der Region ins Studio: Mit Xavier Naidoo spielte er „Peter und der Wolf“ ein, regelmäßig arbeitet er mit Musikern der Rodgau Monotones und der Söhne Mannheims zusammen und auch der bekannte Schweizer Cellist Raphael Zweifel war schon in Heddernheim zu Gast. Sogar Rio Reiser war auf einem Titel zu hören – „Herr Fresssack und die Bremer Stadtmusikanten“ hatte der Sänger der Band Ton, Steine, Scherben bereits im Jahre 1973 aufgenommen, im Kinderbuchverlag Wolff erschien 2005 samt CD das dazugehörige Buch mit Illustrationen von Manuela Olten.

Doch nicht nur die Musik steht bei dem kleinen Verlag, der rund sechs Titel im Jahr verlegt, im Vordergrund, sondern natürlich auch die Qualität der Kinderbücher selbst. Einige Lizenzen kauft Wolff ein, die meisten Kinderbücher sind aber Eigenproduktionen. Neben den Büchern, die er selbst verfasst, entsteht der Großteil des Programms in Zusammenarbeit mit engagierten Künstlern. So zum Beispiel die Liebesgeschichte „Fred und Anabel“ von der Fotografin und Grafikerin Lena Hesse. „Fred und Anabel“ erzählt von einem Kater und einer Gans, die einen ganzen Winter lang getrennt sind, als die Graugans in den Süden zieht. Das Buch war so erfolgreich, dass eine Theaterfassung der Geschichte entstand, die am Schauspielhaus Bochum uraufgeführt wurde. Ein Kurzfilm basierend auf dem Stoff ist ebenfalls in Planung.

Mit seinen Künstlern arbeitet Wolf gerne langfristig zusammen. Dabei sucht er immer nach innovativen und kreativen Ideen und Gestaltungsweisen. „Mich interessieren frische Stile, die künstlerisch neue Wege finden“, sagt er. „Kinder nehmen Bücher hundertfach in die Hand. Im besten Fall entdecken sie jedes Mal etwas Neues dabei.“

Mit vielen Künstlern geht Wolff übrigens auch auf große Lesetouren, bei denen nicht nur gelesen und gemalt, sondern dank der vertonten Bücher auch viel gesungen wird. Besonders beliebt ist dabei die „Monstergala“, die auch mutigen Kindern das Fürchten lehrt.

Kasten 1: Empfehlung Moritz Verlag: Yvan Pommaux, Christophe Ylla-Somers – Wir und unsere Geschichte

„Diesem Buch gelingt es außerordentlich gut, die gesamte Geschichte der Menschheit kindgerecht auf 96 Seiten zusammenzufassen. Das Besondere dabei ist, dass keine Namen genannt werden – wir als die Menschheit und nicht Einzelpersonen sind verantwortlich für die historischen Ereignisse. Das ist ein vollkommen neuer Ansatz.“

Kasten 2: Empfehlung Vielflieger Verlag: Lila Prap – Meine ersten 365 Tage

„Lila Prap ist eine renommierte slowenische Künstlerin, die ich vor einigen Jahren auf der Kinderbuchmesse in Bologna kennengelernt habe. Das Buch ist ein Baby-Fotoalbum, in dem die ganze Familie das erste Lebensjahr des Babys dokumentieren kann, ein richtiger Familienspaß also! Die schönen Illustrationen von Lila Prap runden das Buch gelungen ab.“

Kasten 3: Empfehlung Wolff Kinderbuchverlag: Ljuba Stille – Liese lutscht

„‘Liese lutscht‘ könne man als umgedrehten Struwwelpeter bezeichnen. Das Buch geht mit dem Thema Daumenlutschen auf witzige Art um. Aber nicht nur die Geschichte ist großartig, auch künstlerisch ist es schön gestaltet: Es fällt kaum auf, aber die Bilder sind nicht gemalt, sondern ausgeschnitten.“

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