Die besten Charaktere 2015-16 GretchenEs gibt wenige Comedys, die schwerere Themen in den Plot einbauen, ohne diese mit einem Witz wieder zu relativieren. Es gibt noch weniger Comedys, denen es auch wirklich gelingt, Handlungsstränge fern der leichten Unterhaltung glaubwürdig umzusetzen und dadurch die Sendung auf ein ganz neues Niveau zu heben. Zu diesen wenigen herausragenden Serien gehört beispielsweise „Scrubs“, aber auch die in Deutschland weitgehend unbekannte FXX-Serie „You’re The Worst“, die sich um die Beziehung der beiden Egomanen Gretchen (Aya Cash) und Jimmy (Chris Geere) dreht. In Staffel zwei nun kommt ein neuer Aspekt hinzu: „You’re The Worst“ wagt, sich dem Thema Depressionen anzunehmen.

„I can’t tell him my brain is broken.“

Die zweite Staffel beginnt damit, dass Jimmy und Gretchen, die eher unfreiwillig zusammenziehen mussten, Angst haben, ein konventionelles Paar zu werden. Die für beide naheliegende Lösung: Jeden Abend trinken und koksen sie, um bloß nicht spießig zu sein. Soweit, so typische Comedy, nur mit mehr „edge“ als vergleichbare Serien.

In der vierten Folge der zweiten Staffel offenbaren sich erste Risse in der dysfunktionalen, aber trotzdem harmonischen Beziehung von Gretchen und Jimmy: Unbemerkt von ihrem schlafenden Freund stiehlt sich Gretchen mitten in der Nacht aus dem Haus und fährt weg. Zwei Episoden später folgt Jimmy ihr und erwischt sie dabei, wie sie in ihrem Auto sitzt und weint.

Aya Cash, die vor „You’re The Worst“ übrigens keine nennenswerten Rollen hatte, blüht als Gretchen richtiggehend auf. Während sie in den anderthalb Staffeln zuvor Gretchen bereits überzeugend als narzisstische, sarkastische, nicht immer freundliche, im Grunde aber liebenswerte Frau spielte, bekommt ihre Figur neue Facetten. In Folge sieben platzt die Bombe: Jimmy und Gretchen sind mit Mitbewohner Edgar, dessen neuer Flamme Dorothy, Gretchens bester Freundin Lindsay und Vernon, Lindsays Schwager, in Jimmys Haus „gefangen“, da ein Marathon ganz Los Angeles lahmlegt. Gretchen, der es zuvor schon zunehmend schwerer fiel, „normale“, leichte Konversationen zu führen, kann mit dem Geschnatter ihrer Freunde nichts mehr anfangen und ersetzt das Frühstück durch Flüssignahrung. Das kann nicht lange gut gehen. Schließlich bricht es aus ihr heraus: Sie wirft jedem einzelnen im Raum an den Kopf, was sie von ihm hält, und bezeichnet sie alle als selbstmitleidige Menschen. Nachdem sie sich den Frust von der Seele geredet hat, bleibt Leere zurück. Gretchens Depression hat sie wieder fest im Griff.

„Okay, so here’s an interesting thing that you don’t know about me: I am clinically depressed. It’s been going on my whole life so I’m actually really good at handling it. It strikes me whenever and I have no idea why, but it’s fine. I’m sorry I never told you. Slipped my mind. And who knows? With the right attitude this could be a really fun adventure for everyone. So the only thing I need from you is to not make a big deal of it and be OK with how I am and the fact that you can’t fix me.“ – „Can’t I though?“

Zum ersten Mal, seitdem wir Gretchens und Lindsays Freundschaft verfolgen, wird gezeigt, dass beide mehr eint als nur das Lästern über Männer: Obwohl sie soeben noch von Gretchen beleidigt wurde, ist Lindsay mitfühlend – sie kennt Gretchens Vorgeschichte. Und sie rät ihr auch, Jimmy die Wahrheit zu sagen. Gretchen befolgt den Rat und beichtet ihm, dass sie klinisch depressiv ist. Ihre simple Erklärung ist wohl eine der akkuratesten, die in einer Fernsehserie je über Depressionen geäußert wurde.

Gretchen weiß, dass es nicht in der Macht ihres Partners steht, sie zu retten. Doch natürlich reagiert Jimmy wie jemand, der noch nie mit einem depressiven Menschen umgehen musste: Er ist fest davon überzeugt, dass er ihr helfen kann und schmiedet Pläne, um Gretchen wieder aufzumuntern, die ihm nicht erklären kann, warum sie sich fühlt, wie sie sich fühlt. Die Depression zerstört beinahe ihre Beziehung. Am Ende der Staffel ist Gretchen wieder halbwegs sie selbst und beide vereint. Aber sie weiß, dass sie ihr Leben lang Gefahr läuft, von heute auf morgen wieder in ein Loch zu fallen.

Gretchens Figur ist trotz ihrer vielen Fehler von Folge eins an eine Figur, die man nur mögen kann und die in Jimmy den perfekten unperfekten Partner findet. In der zweiten Staffel bekommen die Serie und sie neue, tiefere Dimensionen. Die großartige Aya Cash vermag es mühelos, alle Höhen und Tiefen von Gretchen darzustellen. „You’re The Worst“ hat nach der bereits großartigen ersten Staffel mit dieser zweiten den Sprung von einer Romantic Comedy mit übermäßigem Alkoholkonsum zu einer erstzunehmenden Serie geschafft, die Fans und Kritiker gleichermaßen begeistert. Die Balance zwischen Comedy und Drama wird gewahrt; trotz Gretchens Depression kommen witzige Szenen nicht zu kurz, ihre Depression wird aber nicht durch den Kakao gezogen. Es ist ein mutiger Schritt, dass die Drehbuchautoren nicht einer Nebenrolle, sondern der Protagonistin diese schwere Krankheit aufbürden. Die dritte Staffel, die im August in den USA anläuft, steht nun vor der großen Herausforderung, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Zumindest die fantastischen Schauspieler werden nicht enttäuschen.

Link

Advertisements