Immer wieder werden gesuchte Verbrecher auf Ibiza festgenommen, die vor der Polizei in ihren Heimatländern geflohen sind. Die Insel ist der perfekte Ort zum Untertauchen – und das nicht erst seit gestern.

Ibiza-Stadt – Shane Looker war der Letzte. Der 47jährige Brite, dem Interpol auf den Fersen war, wurde im Juni von der Guardia Civil in Sant Antoni festgenommen. Looker steht unter dem dringenden Tatverdacht, eine junge Thailänderin namens Laxami Pook Manochat umgebracht zu haben. Die Leiche der Frau wurde im November 2014 rund hundert Kilometer vor Bangkok gefunden – zerstückelt in einem Koffer. Dank Überwachungsfotos, die ein thailändischer Blog verbreitete, konnte Shane Looker als mutmaßlicher Mörder Manochats identifiziert werden. Looker tauchte unter und machte es sich auf Ibiza gemütlich. Ersten Ermittlungen zufolge war er Mitinhaber eines Hotels in der Bucht von Portmany.

Was gruselig klingt, ist auf Ibiza keine Seltenheit. Shane Looker ist der bis dato letzte gesuchte Verbrecher, der auf der Insel festgenommen wurde, aber wahrlich nicht der erste. Anfang 2017 hatte die Polizei von Sant Joan den 36jährige Kanadier Paul Michael Silverthorn verhaftet, der wegen Pädophilie und Vergewaltigung gesucht wurde. Vermutlich hatte Silverthorn zwei Jahre unbehelligt in Sant Joan gelebt, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der 32jährigen Leila Kassam, die bereits im Dezember des vergangenen Jahres in die Fänge der Guardia Civil geriet. Dem Paar war vorgeworfen worden, Minderjährige auf private Sexfeiern am Piccadilly Circus in London gelockt zu haben, wo diese dann missbraucht wurden. Leila Kassam hatte sich vor einem englischen Gericht für schuldig erklärt und war zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Aber anstatt ihre Strafe anzutreten, war sie mit ihrem Freund nach Ibiza geflohen. Seitdem hatte die britische Polizei nach dem Paar gefahndet und sogar 10.000 Pfund auf ihre Ergreifung ausgesetzt.

Ein weiteres Verbrecherpaar wählte ebenfalls Ibiza, um vor der Polizei unterzutauchen. Ende März verhaftete die Guardia Civil in Marina ein französisches Paar, beide 50 Jahre alt, die in ihrem Land wegen Brandstiftung und Betrug gesucht wurden. Die beiden Franzosen hatte in einem Wald bei Pau den Leichnam der Mutter beziehungsweise Schwiegermutter verbrannt, um weiterhin ihre Rente zu kassieren.

Auch wenn in diesem Jahr die Fälle gehäuft auftreten: Dass Ibiza für Mörder, Vergewaltiger und Betrüger der perfekte Ort ist, um sich vor der Justiz zu verstecken, ist keine neue Entwicklung. Einer der berühmtesten Fälle liegt bereits hundert Jahre zurück. 1914 erschoss der Franzose Raoul Alexander Villain seinen Landsmann Jean Jaurès, den Herausgeber der Zeitung L’Humanité. Der Pazifist Jaurès hatte sich wiederholt in seiner Tageszeitung dafür eingesetzt, dass sich Frankreich im Ersten Weltkrieg neutral halten solle. Villain, der sein Verbrechen zugab, verbrachte weniger als vier Jahre hinter Gittern. Nach dem Ende des Krieges wurde er 1918 in die Freiheit entlassen, was viele seiner Mitbürger entrüstete. Um seine eigene Haut besorgt beschloss Raoul Alexander Villain, mit falscher Identität nach Ibiza auszuwandern. Auf Sant Vicent, damals eine noch recht unbesiedelte Gegend, wurde er wegen seines merkwürdigen Verhaltens von seinen Nachbarn in sa Cala schnell zu „El Loco“ umgetauft. Alex, wie Villain sich selbst nannte, lernte auf der Insel namenhafte Ausländer kennen, darunter den Exilanten Walter Benjamin, den Enkel des Malers Paul Gauguin und den schwedischen Autor Leif Borthen. Aber auch auf Ibiza war Villain nicht sicher: Im Jahre 1936 drangen Unbekannte in seine Villa ein und erschossen ihn.

Ibiza ist heutzutage zwar alles andere als eine unerschlossene Insel, das Interesse von gesuchten Verbrechern, in dem kleinen und zugleich doch so anonymen Aussteigerparadies unterzutauchen, ist bis heute aber ungebrochen. Der Massentourismus und die vielen Expats, die auf Ibiza leben, helfen ihnen dabei, die eigene Identität geheim zu halten. Es ist kein schöner Gedanke, dass der nette Nachbar von nebenan in Wahrheit ein gefährlicher Verbrecher sein könnte.

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