Sie ist erst drei Jahre alt, als sie von ihrem Vater zum ersten Mal vergewaltigt wird. Beinahe zwanzig Jahre lang muss sie diesen physischen und psychischen Missbrauch ertragen, der so weit geht, dass sie sich schließlich selbst danach sehnt, von ihrem Vater begehrt zu werden. In „Das Inzest-Tagebuch“ schildert die Autorin, die anonym bleiben möchte, ihr Schicksal. Was kann dem Leser zugemutet werden? Ein Gespräch mit Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar.

Herr Kraushaar, in „Das Inzest-Tagebuch“ werden schonungslos Pädophilie, Vergewaltigung und psychischer Missbrauch beschrieben. Darf man das veröffentlichen?

Das ist eine legitime Frage, schließlich darf nicht alles publiziert werden, so will es das Gesetz. Und jenseits des Gesetzgebung gibt es auch noch eine moralische, ethische Komponente, bei der man in sich gehen und sich fragen muss: Was ist publizierbar?

Um auf Ihre Frage antworten: Ich denke schon. Der Souverän über diese Frage ist in diesem Fall die Autorin selbst. Wenn sie sich dafür entscheidet, diesen Text zu veröffentlichen, darf man das. Wenn überhaupt muss nämlich sie geschützt werden und nicht der Leser. Uns ist allerdings wichtig, den Leser nicht durch Werbung zu dieser Lektüre zu verleiten, die schmerzhaft und unangenehm sein kann.

Gab es denn verlagsinterne Kontroversen, was die Publikation des Buches betrifft?

Wir haben offen und ehrlich darüber geredet. Alle waren der Meinung, dass dies ein wichtiges Buch ist, auch wenn die Leseerfahrung so hart ist. Natürlich gab es intern sehr unterschiedliche Positionen dazu. Einige Leser empfanden das „Tagebuch“ als sehr verstörend, auf andere hatte es einen sehr starken Sog, den man sogar als eine Art des Lesegenusses bezeichnen könnte, den Sog der Wahrhaftigkeit sozusagen. Die anonyme Autorin geht diesem extrem schwierigen Thema auf den Grund. Das Buch ist ein gutes Beispiel dafür, was Literatur leisten kann.

Wer ist denn das Zielpublikum des „Inzest-Tagebuchs“?

Das wichtigste Zielpublikum sind in der Tat die Menschen, die mit Pädophilie Erfahrung gemacht haben. Diese finden hoffentlich Trost und Anerkennung, und eine innere Verbindung zu der Autorin.

Aber ich finde es kann auch für Nicht-Betroffene, die sich der Intensität des Textes stellen wollen, ein sehr bereichernde Leseerfahrung sein.

Dadurch, dass das Buch nicht positiv endet, merken sie, dass sie nicht allein sind, wenn es ihnen schlecht geht. Ein positiveres Ende wäre eine Verzerrung, das der Beruhigung der nicht betroffenen Leser dienen würde.

Sie haben erwähnt, dass Sie keine Werbung für das Buch machen. Wie findet es seine Leser?

Das „Inzest-Tagebuch“ ist natürlich in unserem Katalog gelistet, wir haben aber darauf geachtet, nur informative und keine werbenden, verführenden Texte zu schreiben. So denken allerdings nicht alle Verlage.

Auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse gehörte das „Inzest-Tagebuch“ zu den aufsehenerregendsten Büchern, das in einigen Ländern bei recht hohen Auktionen verkauft wurde. Und hohe Lizenzsummen schließen natürlich aus, dass man ohne Marketing vorgehen kann. Natürlich sind Verlage auch Unternehmen, also profitorientiert. In diesem Fall wollen wir bei Klett-Cotta ökonomische Interessen aber hinter dem Thema zurückstellen. Wir hatten das Glück, dass wir nur wenig für das Buch zahlen mussten, also auch ein geringes Risiko haben. Die Agentur und der Rechtegeber haben uns ausgewählt, da unsere Seriosität außer Frage steht. Nicht zuletzt durch unser Psychologie- und Psychotherapieprogramm stehen wir für etwas, das dem Buch nicht fremd ist.

Die Autorin bleibt anonym. Können Sie denn garantieren, dass ihre Geschichte wahr ist?

Wir selbst kennen die Autorin nicht, deswegen kann für nichts hundertprozentig garantiert werden. Da wir uns für die Publikation entschieden haben, würden wir uns auch dafür verantworten, sollte sich herausstellen, dass ihre Geschichte erfunden ist. Wir vertrauen aber ihrem amerikanischen Lektor Lorin Stein, einen der angesehensten Menschen im englischsprachigen Literaturbetrieb, der im Verlag Farrar, Straus and Giroux als Lektor arbeitet und das Magazin The Paris Review herausgibt. Er kennt die Autorin persönlich und garantiert, dass die Geschichte wahr ist. Es war unsere freie Entscheidung, ihm zu glauben.

Welchen Unterschied würde es machen, sollte sich herausstellen, dass die Leidensgeschichte der Frau nicht authentisch ist?

Das wäre ein entscheidender und weitreichender Unterschied. Das Buch lebt auch moralisch von seiner Authentizität. Als fiktionale Geschichte, müsste man sich die Frage stellen, was uns die Autorin damit sagen will, dass ein Inzestopfer die Sexualität mit ihrem Vater genießt. Da die Geschichte aber authentisch ist, liegt die Antwort auf der Hand: Sie muss oder will die Geschichte erzählen, weil sie wahr ist.

Das Buch wurde von Christa Schuenke übersetzt…

…die eine der bedeutendsten Übersetzerinnen aus dem Englischen ist. Sie hat Erfahrung mit schwierigen Texten. Uns war es wichtig, dass bei diesem Buchs absolut nichts schiefgeht.

Ist „Das Inzest-Tagebuch“ für Sie ein literarischer Text?

Ja. Auch wenn das „Tagebuch“ kein fiktionaler Text ist, bedient es sich vieler literarischer Mittel wie der erknappung, Pointierung und der Anordnung der Erfahrungen. Die Dinge, die beschrieben werden, sind wahrhaftig und authentisch, das Buch aber hat eine hohe Literarizität. Deswegen ist es bei Klett-Cotta auch in der Belletristik zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Lektorin und Journalistin Isabella Caldart hat ihren ehemaligen Chef Tom Kraushaar, Verleger bei Klett-Cotta, zu dem Buch „Das Inzest-Tagebuch“ interviewt, das am 05. August im Klett-Cotta Verlag erschien/erscheint.

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