Eine Frage der Identität

„Dieses verstörende Gefühl, an einem Ort zugleich zu Hause und fremd zu sein. Ehrlich gesagt ist mir dieser Spagat mit den Jahren so gut wie unmöglich geworden.“ Um den Spagat bemüht sich der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon, der in den verarmten Banlieues von Reims aufwuchs und nach vielen Jahren erstmals seine Heimatstadt besuchte. In seinem essayistischen Buch „Rückkehr nach Reims“, das in Frankreich wie in Deutschland großen Erfolg hatte, erzählt Eribon vom Heranwachsen als Arbeiterkind und Homosexueller in der Peripherie von Reims. Was bedeutet Heimat? Wie definiert die Herkunft die eigene Identität? Diese Fragen treiben nicht nur Eribon um; in Zeiten von Flucht und internationaler Migration sind sie wichtiger denn je. Das Literaturhaus widmet sich mit dem dreitägigen Festival „Herkunftssache!“, kuratiert von der Leiterin Stefanie Stegmann und den Kulturmanagerinnen Kateryna Stetsevych und Katarina Tojic, genau diesem Thema: „Mit dem Festival möchten wir die Bedeutung der sozialen Herkunft und die der kulturellen Herkunft zusammendenken und divers befragen.“

Zu den rund zwanzig Schriftstellern und Journalisten, die bei dem Festival über ihre Texte diskutieren, gehört auch der Feuilletonleiter der ZEIT, Ijoma Mangold, der 1971 in Heidelberg als Sohn einer Schlesierin und eines Nigerianers geboren wurde. In seinem Buch „Das deutsche Krokodil“, das im August bei Rowohlt veröffentlicht wurde, erzählt er von seiner schwierigen Kindheit und wie er, allen Widrigkeiten zum Trotz, zu einem der wichtigsten Literaturkritiker des Landes wurde.

Auf der Suche nach ihrer Vergangenheit schicken die Schriftstellerinnen Fatma Aydemir und Sasha Marianna Salzmann ihre Protagonistinnen gleich in mehrere Länder. Die Karlsruherin Aydemir sorgte ihrem mit im Frühjahr publizierten Roman „Ellbogen“ für Furore, der vom Leben der 17jährigen Türkin Hazal in Berlin und Istanbul erzählt. Und von Salzmann erschien dieser Tage ihr Debüt „Außer sich“, für das sie den Jürgen-Ponto-Preis erhielt und das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis steht. Auch ihre Protagonistin verschlägt es von Deutschland in die Türkei: Die in Russland geborene und in Berlin aufgewachsene Alissa sucht in Istanbul nach ihrem verschollenen Zwillingsbruder. Neben diesen und weiteren Lesungen und Diskussionsrunden wird es ein Konzert der Künstler Melinda Nadj Abonji und Jurczok 1001 sowie eine Tanzperformance des serbischen Choreographen Miloš Sofrenović geben.

Was also ist Heimat? Was Identität? Was bedeutet es, zwischen zwei Kulturen zu leben? Und inwiefern trägt unsere Herkunft zu unserem Werdegang bei? „Herkunftssache!“ geht diesen Fragen aus kultureller, ethnischer und genderspezifischen Perspektive auf den Grund. Begleitend zu den Veranstaltungen wird am 10. Oktober die Ausstellung „La Grieta – Der Riss“ eröffnet. „La Grieta“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Fotografen Guillermo Abril und des Journalisten Carlos Spottorno, die für die spanische Zeitung El País zu den Außenrändern der EU geschickt wurden: nach Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, oder zur Grenze zwischen Finnland und Weißrussland. Ihre Erlebnisse und ihre Gespräche mit Flüchtlingen, Soldaten und Politikern haben sie in atmosphärischen, oft bedrückenden Fotos festgehalten, die zeitgleich zur Ausstellungseröffnung als Graphic Novel im avant-verlag erscheinen werden. Ihre Bilder sind bis zum 13. Dezember im Literaturhaus zu bewundern.

 

 

Inwiefern determinieren Heimat und Muttersprache die persönliche Identität, den Werdegang? Didier Eribon, Ijoma Mangold, Fatma Aydemir, Sasha Marianna Salzmann und rund zwanzig weitere Autoren und Künstler versuchen bei dem dreitägigen Festival „Herkunftssache!“ im Literaturhaus, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Bereits am 10.10. wird die dazugehörige Ausstellung eröffnet.

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